ClimateActions · by MyBluePlanet

Klimaparadox: Was ClimateTokens können, und was nicht

Acht Zielkonflikte der Klimafinanzierung, angewendet auf ClimateTokens: Additionalität, Referenz, Kompensation, Versprechen, Transparenz, Vermeidung, Kontrolle und Freiwilligkeit — mit unseren fünf Leitsätzen.

«How wonderful that we have met with a paradox. Now we have some hope of making progress.» — Niels Bohr, Motto von carbonparadox.org

ClimateActions vergibt ClimateTokens für Klimaaktionen im Alltag. Ein Carbon Credit bezahlt für vermiedene Emissionen. Beide sind Stellvertreter für etwas, das man nicht direkt sehen kann — eine Tonne CO₂, die nicht in der Luft ist. Genau deshalb betreffen die Zielkonflikte der Klimafinanzierung auch unser Modell, selbst wenn ClimateTokens bewusst keinen Geldwert haben.

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Warum wir das Thema aufgreifen

Ein ClimateToken ist ein Stellvertreter für etwas Unsichtbares: eine Handlung, die dem Klima nützt, aber nicht direkt gemessen werden kann. Wir kennen die Schwächen dieses Modells und sagen sie lieber selbst, bevor es jemand anders tut. Das Klimaparadox — eine Initiative des Zürcher Vereins Terra Dialogue unter carbonparadox.org — sammelt 32 solcher Zielkonflikte der Klimafinanzierung. Wir formulieren die Paradoxe hier in eigenen Worten und beziehen keine Position zu CO₂-Zertifikatsmärkten; wir nutzen die Denkweise, um ehrlicher über unser eigenes Modell zu sprechen.

Acht Paradoxe, angewendet auf ClimateActions

Additionalität: Zählt nur, was ohne uns nicht passiert wäre?

Klassische Carbon Credits gibt es nur für Projekte, die als «zusätzlich» gelten — die also ohne das Geld aus dem Zertifikatehandel nicht stattgefunden hätten. Das Problem: Die wirtschaftlich sinnvollsten, wirksamsten Projekte gelten dadurch oft als nicht zusätzlich, während die unwirtschaftlichsten am meisten Geld bekommen.

Was das für ClimateActions heisst: ClimateTokens verlangen keine Zusätzlichkeit. Wir belohnen die Handlung, nicht den Beweis, dass sie ohne uns nicht stattgefunden hätte — ein Token heisst «ich hab's gesehen», nicht «wegen mir ist das passiert».

Referenz: Wird gutes Vorleben bestraft?

Wer sein Verhalten ändert, hat eine Vergleichsbasis und kann eine Verbesserung zeigen. Wer schon immer klimafreundlich lebt, hat keine solche Referenz und bekommt darum nichts — gutes Verhalten in der Vergangenheit wird faktisch bestraft, ein später Umstieg belohnt.

Was das für ClimateActions heisst: Wir haben uns bewusst entschieden, die Handlung zu belohnen statt die Veränderung. Wer heute vegetarisch isst oder Velo fährt, bekommt einen Token, egal ob schon seit Jahren oder erst seit gestern.

Kompensation: Wird Zahlen zum Freifahrtschein?

Kompensation soll eigentlich Reduktion ergänzen und über den Preis pro Tonne sogar anreizen, weniger auszustossen. Kritisiert wird, dass Firmen und Personen «entweder/oder» denken: lieber zahlen als selbst reduzieren.

Was das für ClimateActions heisst: ClimateTokens haben keinen Geldwert und keine Tonnen-Äquivalenz — sie sind kein Offset. Wer Tokens sammelt, kann damit keinen Flug oder sonst eine Emission «ausgleichen». Tokens sollen Ambition erhöhen, nie ersetzen.

Versprechen: Wird Genauigkeit bestraft?

Wer ein konkretes, messbares Ziel nennt und es verfehlt, kassiert Greenwashing-Vorwürfe. Wer vage von «wir unterstützen den Klimaschutz» spricht, wird gelobt und selten hinterfragt. Vage Aussagen sind dadurch die sicherere Strategie.

Was das für ClimateActions heisst: Wir bleiben trotzdem konkret und nennen Zahlen — machen aber sichtbar, dass sie eine Schätzung sind. Darum steht bei unserer Wirkung «geschätzt» statt eine Genauigkeit vorzutäuschen, die wir nicht haben.

Transparenz: Wird Offenheit zur Angriffsfläche?

Je transparenter ein Projekt dokumentiert ist, desto leichter finden Kritiker darin Fehler — intransparente Projekte bleiben dagegen unbehelligt, weil niemand nachschauen kann. Mehr Offenheit erzeugt so paradoxerweise mehr sichtbare Kritik.

Was das für ClimateActions heisst: Jede ClimateToken-Bewegung ist auf der Hedera-Blockchain öffentlich nachvollziehbar. Wir akzeptieren, dass Transparenz auch unsere Schwächen zeigt — öffentlich heisst nicht fehlerfrei, aber es heisst überprüfbar.

Vermeidung: Warum gibt es für Verhinderung keinen Ruhm?

Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ist Vermeiden am günstigsten, Reduzieren teurer, nachträgliches Entfernen aus der Atmosphäre am teuersten. Der Markt bewertet es oft umgekehrt: Sichtbares Aufforsten gilt als hochwertig, unsichtbares Verhindern kaum.

Was das für ClimateActions heisst: ClimateActions belohnt überwiegend Vermeidung — Foodwaste reduzieren, Velo statt Auto, weniger Konsum. Das ist genau das, was der Markt strukturell übersieht. Wir sagen es so: Wir belohnen, was sonst niemand sieht.

Kontrolle: Wie viel Prüfung ist gut genug?

Kontrolliert man die Verwendung von Klimageldern streng, wirkt das paternalistisch und bremst Projekte aus. Kontrolliert man zu wenig, drohen Missbrauch und Token-Farming. Beide Antworten können als Skandal enden.

Was das für ClimateActions heisst: Wir dosieren Verifikation bewusst: Ehrensystem mit Zeitfenstern, Serverprüfungen bei Spielen und Check-ins, Admin-Freigaben für Team-Actions und ein Token-Cap statt lückenloser Kontrolle. Das ist keine perfekte Lösung, sondern eine bewusst gewählte, «gut genug».

Freiwilligkeit: Wird Engagement bestraft?

Wer freiwillig mehr tut als nötig, wird oft dafür kritisiert, nicht noch mehr zu tun — wer gar nichts tut, bleibt unbehelligt. Das entmutigt ausgerechnet jene, die schon mitmachen.

Was das für ClimateActions heisst: Wir stellen niemanden an den Pranger, weder Nutzende noch Partnerfirmen. ClimateActions zeigt Engagement positiv, ohne es gegen eine imaginäre Bestleistung zu messen.

Zwei Zahlen, die das Grenzen-Paradox zeigen

Die Schweiz hat ihre Inlandemissionen seit 1990 offiziell um 27,3 % gesenkt — importiert aber gemäss Auswertung des Boundaries Paradox rund 3,75-mal mehr Emissionen, als sie im Inland verursacht. Klimawirkung hängt stark davon ab, wo man die Systemgrenze zieht.Quelle: carbonparadox.org (Verein Terra Dialogue, Zürich), Boundaries Paradox, basierend auf BAFU, Treibhausgasinventar der Schweiz
Eine Hektare abgeholzter Regenwald setzt rund 355 Tonnen CO₂ frei. Eine Hektare Aufforstung bindet dagegen nur rund 6,7 Tonnen CO₂ pro Jahr. Vermeiden ist um ein Vielfaches wirksamer als späteres Wiederherstellen — trotzdem zahlt der Markt für sichtbares Aufforsten oft mehr als für unsichtbares Verhindern.Quelle: Nature, 2019, zitiert nach carbonparadox.org (Verein Terra Dialogue, Zürich), Avoidance Paradox

Unsere fünf Leitsätze

Angelehnt an die «Five Elements» von carbonparadox.org — in eigenen Worten:

Erstens: Ambition erhöhen, nie ersetzen

ClimateTokens sollen deine Ambition steigern und dürfen niemals ein Klimaziel oder eine echte Handlung ersetzen.

Zweitens: Ein Baustein unter vielen

Tokens sind eine Ergänzung zu vielen anderen Klimalösungen, kein Alleinvertretungsanspruch.

Drittens: Robust und transparent

Jede Bewegung ist auf der Hedera-Blockchain nachvollziehbar dokumentiert.

Viertens: Freude machen

Klimaschutz darf motivieren statt nur zu mahnen — Tokens sollen Freude bereiten.

Fünftens: Nie perfekt

Wir kennen die Schwächen unseres Modells, sagen sie selbst und lernen laufend dazu.

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Quellen

carbonparadox.org (Verein Terra Dialogue, Zürich) · BAFU, Treibhausgasinventar der Schweiz · Nature, 2019